Theater


Vermutungen über Helena

Szenische Dichtung in 8 Bildern und Gegenbildern

Helena: Ich habe festgestellt, dass der Himmel nur hier blau ist.

Ariadne: Hast du was von Prometheus gehört?

Helena: Manchmal nimmt er 25 oder ist auf 4. Heute auf 16, was immer das heißt.
Ich weiß nicht, was ich fühlen soll.

Ariadne: Amazing Grace. (summt „Amazing Grace“)

Helena: Eigentlich ist er dein Mann. Ja, du könntest ihn lieben, er könnte dich lieben. Ich schmeiß ihm meine Liebe nur hinterher. Wie eine Handtasche oder einen spitzen Schuh oder was Frauen sonst noch ausmacht. Für mich will er aufhören zu trinken. Aber er trinkt ja wegen mir!

Ariadne: Das wird eine Verwechselung sein. Wie von Himmel und Blau.

Die vielgeliebte Helena. Wer ist sie wirklich? Eine Erfindung bloß? Und Prometheus? Nicht ein Adler frisst seine Leber, sondern die Drogen, die er braucht, um das Leben zu ertragen. Er liebt Helena. Aber das macht alles noch viel schlimmer… parallel zum Geschehen auf der Erde steht der Olymp. Er befindet sich im 13. Stock eines heruntergekommen Hochhauskomplexes. Leere Bierdosen, leere Tablettenhülsen, ein defekter Kühlschrank, der als Ablage für Computerzeitschriften dient, Brandspuren in der Nähe des Herdes, Blutflecken auf dem Teppich, in der Ecke steht ein altes Klavier. Das Fenster steht weit offen, grauer Himmel. Der Text im Olymp wird gesungen.

Uraufführung: Mittwochtheater Hannover 2002 / Vertonung für Cello, Sopran und Barriton von Corinna Eikmeier und mit Bodo Dringenberg - Sprecherregie und Peter Düker - Sprecher


Das Vergessen probend

Stück in einer Szene

sie: Das Vergessen probend
Erzähle ich mir immer wieder aufs neue
Diese Geschichte
In der Hoffnung
Das Geschehene würde dadurch gewissermaßen
Zu einer Legende erstarren

er: Die besten Liebesgeschichten
Erzählen sich aus der Entfernung
Man nimmt an ihnen eigentlich nicht teil
Aber darum soll es nicht gehen
Um Gottes Willen
Nicht um Liebesgeschichten
Sie dienen nur als stilistischer Rahmen sozusagen
Aufhänger
Nein
Es geht eher um
Den Abschied von der Liebe überhaupt…

Ein Paar sitzt auf zwei roten Plastikstühlen in einem Park und resoniert über die Liebe. Im Vordergrund führt ein Kiesweg vorbei, auf dem in regelmäßgien Abständen Fußgänger gehen, die mit ihren Gesprächsfetzen den Dialog kontrastieren.

Uraufführung: Der Texte wurde für das Tanztheaterstück "Jede Flut bringt Schlick" verwendet, TanzTheater im Hof, Hannover 2000


Variationen über die Stille

Stück in 7 Szenen

Jemand klingelt an der Tür, Frau öffnet, Mann kommt herein.

Mann: Entschuldigen Sie - haben Sie vielleicht mal eine Schlinge? (bedeutet mit einer Geste, dass er sich erhängen will)

Frau: Hm... Da muss ich nachschaun. (beginnt, alles zu durchwühlen)

Mann: Die Farbe ist egal.

Frau: Kommen Sie doch herein.

Mann: Lieben Sie den Winter?

Frau: Ja, schließlich nützt mir im Sommer mein Wintergarten nichts.

Mann: Sie haben einen Wintergarten?

Frau: Einen sehr großen sogar, vermutlich den größten Wintergarten der Stadt. (weist durchs Zimmer)

Mann: (schaut aus dem Fenster) Wieviel Sterne wohl am Himmel stehen können, ohne dass er hell wird?

Frau: Etwa 1.436.921... (sie wird von einem besonders schlimmen Hustenanfall ergriffen)

Mann: Haben die großen politischen Veränderungen denn nichts für die Lungen gebracht?

Sie hören sich nicht, sie hören sich nicht zu, sie verstehen sich wortlos, sie benutzen verschiedene Worte für dasselbe, dieselben Worte für etwas anderes, sie verstehen Spaß, wenn der andere Ernst meint, sie verstehen hochphilosophisches, wenn der andere Unsinn redet… In diesem Stück geht es um Kommunikationsstörungen - die Stille zwischen den Menschen.

Uraufführung in der Bürgerschule, Stadtteilzentrum Nordstadt, Hannover 1999, CD ( Hörprobe, mit Corinna Eikmeier - Cello, Åza Thelandersson - Sprecherin, Ralf E. Klaß - Sprecher, Regiesseur und Helene Lusy - Aufnahmetechnik) / "Du bist ja gar nicht dran" auf: "Leg dich hin und warte bis die Bilder kommen" (2nd unit - Special Edition von Silke-Arp-bricht)


HC

Stück in einem Akt

Christa: (unterm Kinositz)
Hast du nicht immer davon geträumt
später mal in einer Pyramide begraben zu werden, HC?
(kommt hervor und setzt sich auf die Sessellehne; knöpft ihre Bluse zu, ordnet ihr Haar, ihre Schminke ist stark verwischt)

HC: (ungehalten, laut)
Was hat denn das damit jetzt zu tun!!
Musst du immer in Gesellschaften
meine intimsten Dinge preisgeben?!
Das war eins meiner Lieblingsgeheimnisse!

Ist die marode Beziehung von Christa und HC noch zu retten? Arbeitskollegin Hanna, die gerade ihr Bad renoviert, und Kartenabreißer Ludwig, der seine kleine silberne Blinkerkugel sucht, verhindern einen lauschigen Kinoabend des Paars, den es aber sowieso nicht gegeben hätte. Letztlich überleben nur zwei. Und Deutschland verliert das Endspiel.

Premiere: Szenische Lesung in der Warenannahme im Faust 1998 / Literaturförderpreis der Stadt Leipzig 1996


Georga

Dichtung in 4 Szenen

Passantin II:Wie gern würde ich jetzt eine Tasse Kaffee trinken
Der Himmel würde sich spiegeln
Im schwarzen Rund
Bis ich ihn leergetrunken hätte

Leona: Der Himmel ändert sich schon
Geradezu abwechselungsreich
Ich habe nichts dagegen
Übers Wetter zu sprechen

Passant: Was aber
Wenn sie mit einer großen Papierschere kommen
Eines nachts
Und mir den Kopf abschneiden

Passantin I: Sie sind doch nicht aus Pappe
Und wenn
Um so besser
Dann tut es ja nicht weh

Dieserart unterhalten sich Passanten, die schon seit Stunden an einer Straßenbahnhaltestelle stehen. Doch die Bahn wird nie kommen. Eigentlich warten sie ja auch alle auf einen Vorstadtengel. Und der - kommt wirklich. In diesem Stück geht es darum, was passiert, wenn erfundene Figuren Realität werden.

Uraufführung: Universität Hannover 1994 / Auszug in: Nomo (Hannover 1994), Hrsg. Matthias Göke / Videomitschnitt